Ehrenpalme in Cannes für ein Kino-Genie, das sich mitunter verrennt.
Der Hobbit aus Neuseeland
Ehrenpalme in Cannes für ein Kino-Genie, das sich mitunter verrennt.
Zur Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes erhielt Peter Jackson die Ehrenpalme für sein Lebenswerk. Die Auszeichnung zähle zu „den größten Privilegien seiner Karriere“, sagte der 64-jährige Regisseur. Der Neuseeländer gehört zu der Kategorie der Filmbesessenen, die mit dem Kino Welten erschaffen: Egal, ob ihm 50.000 Dollar oder 500 Millionen Dollar Budget zur Verfügung stehen.
Seine Anfänge lagen im Horrorfilm, es waren bluttriefende No-Budget- bzw. Low-Budget-Produktionen, in denen Jackson seinen Erfindungsgeist und seinen Hang zur bizarren Komik Auslauf gab. Seine Splatter-Filme quollen von Blut und Gedärmen über, waren aber auch randvoll mit Witz. Mit der Zombie-Groteske „Braindead“ empfahl er sich 1992 für größere Produktionen. Das Meisterwerk „Heavenly Creatures“ erfüllte alle Erwartungen, Jackson wurde zu einer der wichtigen Stimmen des Weltkinos. Der Film über zwei jugendliche Mörderinnen stellt seine Tricktechnik in den Dienst der Erzählung und war der Karrierestart für Kate Winslet.
Mehrere Jahre seines Berufslebens widmete Jackson der Verfilmung von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Ambitioniert wäre ein zu kleines Wort für die Trilogie. Jackson, der selbst wie einer seiner Hobbit-Helden wirkt, prägte dem gigantomanischen Projekt (am Ende standen fast zehn Stunden Kino) seinen Stempel auf. Jackson vermochte es, erzählerische Könnerschaft, die souveräne Handhabung von Massenszenen und ein Gespür für kleine, intime Momente zu einem wahrlich epischen Filmerlebnis zu verknüpfen. Der enorme technische Aufwand seiner Trilogie erschlägt niemals die Emotionen. Und manche der Szenen um Orks und Uruk-Hais wirken wie ein augenzwinkender Gruß an seine Anfänge im Splatter-Film: Für die Kenner, die wussten, woher Jacksons Kino stammt.
Nach seiner mit insgesamt 17 Oscars ausgezeichneten Großtat schuf Jackson mit „King Kong“ noch einen fabelhaften Monsterfilm und verfilmte den Roman „In meinem Himmel“ äußerst respektabel. Dann ging es bergab: Mit seinem „Hobbit“-Projekt verrannte sich Jackson heillos zwischen Anspruch und Kommerz.. Die zweite Tolkien-Trilogie war nicht einmal mehr ein schwacher Aufguss der drei „Herr der Ringe“-Filme: Kino, das Tolkiens einfache Geschichte zu einem seelenlosen Spektakel auswalzte.
Ob Jackson seine Schaffenskrise selbst empfunden hat? Das ist Gegenstand von Spekulationen. Dafür spräche, dass er seit zwölf Jahren keinen Spielfilm mehr gedreht hat und sich in massiv aufwendige Dokumentationen flüchtete. Dagegen, dass er bereits wieder an Tolkiens Welt arbeitet, allerdings als Produzent. 2027 soll ein Film über die Figur Gollum erscheinen, danach einer über die drei Hobbits, die sich nicht an den Grauen Anfurten verabschiedet haben.
Martin Gasser