Von Rubina Bergauer

Im Montafon tut sich einiges in Sachen Tourismus.
Das findet nicht nur Befürworter, sondern ruft auch Kritiker auf den Plan. Können Sie das nachvollziehen?
Herbert Bitschnau: Den Tourismusverantwortlichen in der Talschaft ist bewusst, dass unser größtes Kapital die Natur und Landschaft sind. In den Gebieten, die bereits jetzt touris­tisch gut erschlossen sind, kann meines Erachtens weiter inves­tiert werden. Andere Flächen müssen dafür geschützt werden. Gerade im Montafon haben wir große Natura-2000-Gebiete. Das ist ein guter Mittelweg. Der neue Rutschenpark am Golm wurde beispielsweise auf der ehemaligen Lifttrasse installiert, ohne dass es hier noch weiterer großer Eingriffe bedurfte. Aber es stimmt natürlich, dass es in Zukunft immer schwieriger werden wird, die verschiedenen Interessen – Jagd, Forstwirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft, Freizeitnutzung – unter einen Hut zu bringen.

Derzeit gibt es Überlegungen zu einem länderübergreifenden Naturpark Rätikon.
Bitschnau: Das ist ein sehr interessantes Projekt, bei dem die Gemeinden St. Gallenkirch, Tschagguns und Vandans aus dem Montafon mit dabei sind, sowie Kommunen in Liechtenstein und der Schweiz. Es wird spannend, welche Ansätze hier erarbeitet werden bezüglich Tourismus, Naturschutz sowie Land- und Alpwirtschaft. Das ist auch eine gute Möglichkeit, verstärkt auf Zusammenarbeit zu setzen – zwischen Gemeinden, aber auch zwischen den verschiedenen Sparten. Bis 2019 sollte die Machbarkeitsstudie dazu vorliegen. Wir wollen auch von Anfang an die Bevölkerung miteinbeziehen. Dahingehend sind auch noch ­dementsprechende Veranstaltungen geplant.

In welche Richtung soll sich der Tourismus in den kommenden Jahren im Montafon entwickeln?
Bitschnau: Ich denke in Sachen Wintertourismus haben wir ein sehr hohes Niveau erreicht. Es wird noch mehr Betten brauchen, um etwas wegzukommen vom Tagestourist hin zum stationären Gast. Für die Sommersaison gibt es noch Entwicklungspotential nach oben. Der Trend sollte klar wieder hin in Richtung Ganzjahrestourismus gehen.

In Tschagguns ist im Bereich des Alpenbads ein TUI-Hotel geplant. Auch in Latschau soll eine Gästeunterkunft entstehen. Wie weit sind die Pläne?
Bitschnau: Im Rahmen des Räumlichen Entwicklungskonzepts Latschau-Matschwitz sind bereits vor Jahren bestimmte Pläne zur Nutzung für Tourismusprojekte reserviert worden. Zunächst war geplant, auf den Grundstücken der Vorarl­berger Illwerke ein Kinderhotel samt dazugehörenden Chalets zu verwirklichen. Das Vorhaben ist aber heuer vor Ostern gestoppt worden, weil die Finanzierungslage nicht geklärt werden konnte. Momentan wird von der Gemeinde Tschagguns gemeinsam mit den Verantwortlichen der Vorarlberger Illwerke überlegt, wie diese Flächen bestmöglich genutzt werden könnten.

Es ist aber nach wie vor ein Tourismusprojekt geplant?
Bitschnau: Ja. Ich denke auch, dass ein Kinderhotel gut an den Standort Latschau passen würde, da es eine Ergänzung zum familienfreundlichen Angebot am Golm wäre. Die notwendigen Infrastrukturen sind vorhanden, mit dem Golm als Ski- und dem Gauertal als Wandergebiet sind die Voraussetzungen quasi ideal. Daher denke ich, dass sich dort auf jeden Fall ein entsprechendes Projekt umsetzen lässt.

Wie weit sind die Planungen bezüglich des TUI-Hotels am Areal des Aktivparks?
Bitschnau: Die Bauverhandlung ist bereits abgeschlossen, demnächst müsste der Baubescheid eintreffen. Wenn alles nach Plan geht, dann sollte einer Eröffnung pünktlich zur Wintersaison 2019 nichts im Wege stehen.

Hat das Bauvorhaben Auswirkungen auf den angrenzenden Radweg oder den Badebetrieb?
Bitschnau: Während der Bauphase wird die Route vielleicht ein wenig schmaler, bleibt ansonsten aber so erhalten wie sie jetzt ist. Das Hotel wird auf Flächen des Alpenbads gebaut, dort wo früher die Umkleidekabinen standen. Dadurch verringern sich die Liegeflächen etwas, aber mit Blick auf die Besucherzahlen der vergangenen Jahre dürfte das die Qualität des Badebesuchs nicht einschränken.

Das bedeutet die Besucherzahlen im Alpenbad sind rückläufig?
Bitschnau: Die besten Zeiten sind sicherlich vorüber. Vor Jahren wurden über 100.000 Eintritte pro Badesaison verzeichnet, jetzt sind es während eines guten Sommers circa 60.000 Eintritte. Dieser Rückgang liegt zum einen daran, dass sich das Freizeitverhalten geändert hat. Zum anderen hat sich auch die Bäderlandschaft in den vergangenen Jahren stark verändert und es gibt mehr Angebote. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller gewesen, wenn man sich im Montafon gemeindeübergreifend auf ein, zwei große Bäder geeinigt hätte.

Ist es allgemein schwer, in der Talschaft einen gemeinsamen Konsens zu finden?
Bitschnau: Wenn die Geldmittel in den Kommunen knapper werden, scheint parallel dazu das Kirchturmdenken wieder ausgeprägter zu werden. Wenn eine Gemeinde den Gürtel enger schnallen muss, dann fällt es sicher schwerer, größeren Gemeinschaftsprojekten zuzustimmen. Daher ist es nicht immer leicht, gemeindeübergreifend zu arbeiten. Tschagguns und Schruns stemmen zum Glück einiges gemeinsam, wie das Alpenbad, den Aktivpark oder den Fußballplatz. Denn gerade in Sachen Infrastruktur gibt es vieles, was als selbstverständlich erachtet wird, allerdings kaum Geld einbringt, sondern mit mitunter hohem finanziellen Aufwand verbunden ist. Ich denke, dass gemeinsame Projekte auch eine gewisse Zeit brauchen, es muss Vertrauen wachsen. Das geht nicht von heute auf morgen.

Ein solches Projekt ist die geplante Bahnverlängerung, die seit Jahren diskutiert wird. Wie ist diesbezüglich der Stand der Dinge?
Bitschnau: Es läuft derzeit eine Machbarkeitsstudie. Erste Ergebnisse liegen bereits vor und ich hoffe, dass wir die Resultate noch vor dem Sommer erhalten. Das ist ein Projekt, das einen langen Atem braucht. Doch meiner Meinung nach ist die Verlängerung der Mobilitätsachse bis Gaschurn ein wichtiger Schritt in Richtung einer Teillösung des Verkehrsproblems im Montafon. Sowohl der Reise- als auch der Pendlerverkehr belasten die Talschaft. Da braucht es intelligente Lösungen.

Wie könnten diese aussehen? Mit einer Verlängerung der Bahnstrecke lassen sich sicherlich nicht alle Verkehrsprobleme beheben.
Bitschnau: Das bestimmt nicht. Der Autoverkehr hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen und wird sicherlich nicht weniger werden. Ich denke, dass es für das Montafon vor allem im Bereich Lorüns, am Taleingang, eine zweite Zufahrtsstraße oder Umfahrung benötigt. Denn wenn es momentan irgendwo auf der Strecke ein Problem gibt, kommt es zum Verkehrskollaps. Dann geht gar nichts mehr. Es gibt mehrere solche Stellen. Das kann unter Umständen problematisch werden, wenn ­beispielsweise nicht einmal mehr der Rettungswagen durchkommt. Hier müssen alle Akteure im Tal an einem Strang ziehen und sich für eine Alternative einsetzen.
Der Platz für eine zweite Verkehrsroute ist allerdings begrenzt.
Bitschnau: Es wurde bereits einmal eine Tunnellösung im Bereich Lorüns angedacht. Diesbezüglich ist es wichtig, dass vonseiten des Landes endlich ein klares Zeichen kommt. In der Vergangenheit wurden wir in puncto Verkehrslösung stets vertröstet, es braucht aber klare Aussagen in welche Richtung es gehen soll.

Die großen Player im Tal sind die Energiewirtschaft und der Tourismus. Doch gerade im letzteren Bereich wird es immer schwieriger Fachkräfte zu finden. Viele Montafoner pendeln zu einem Arbeitsplatz außerhalb der Talschaft.
Bitschnau: Der Tourismus­sektor ist sehr wichtig für das Montafon. Es gibt auch gute Ausbildungsmöglichkeiten im Land. Wir müssen der jungen Generation aufzeigen, dass es in diesem Bereich attraktive Arbeitsplätze gibt. Darüber hinaus werden die Kommunen der Talschaft künftig vermehrt mit Hilfe eines regionalen räumlichen Entwicklungskonzeptes zusammenarbeiten. Denn nur so können wir es schaffen, die wenigen freien und geeigneten Flächen für Gewerbeansiedelungen zu nutzen beziehungsweise den vorhandenen Betrieben eine Erweiterung zu ermöglichen.

Ist das Montafon als Wohnort attraktiv?
Bitschnau: Ein attraktiver Lebensraum auf jeden Fall – aufgrund der Freizeitmöglichkeiten und der gut ausgebauten Infrastruktur. Im Zuge des Prozesses „Familienfreundliches Montafon“ wurden in den vergangenen Jahren die Betreuungsplätze sowie Öffnungszeiten im Kleinkindbereich stark ausgeweitet. Leider ist es aber auch teuer hier zu wohnen beziehungsweise wird es schwieriger geeigneten Wohnraum zu finden. Eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken könnte sein, Leerstand vermehrt zu aktivieren.

„Gemeinsame Projekte brauchen Vertrauen“

Interview. Herbert Bitschnau ist Bürgermeister von Tschagguns und Repräsentant des Standes Montafon. Im Interview spricht er über Pläne und Herausforderungen in der Talschaft.

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