Die Zirkusfrau

Martina Kuster Ein paar Mal im Jahr kommt das Zirkuskind in ihr durch. Dann setzt sich Mariza Üstün (47) ans Steuer ihres Wohnmobils und macht eine Fahrt ins Blaue. Nicht das Ziel ist von Bedeutung, sondern die Reise dorthin. Das Reisen war einmal ihr Leben. Mariza gehörte dem fahrenden Volk an. Sie wurde in eine Artistenfamilie hineingeboren. Marizas Vater ist Walter Galetti, der große Clown, die Mutter – eine Rankweilerin – war Seilakrobatin. Grandiose Lebensschule Mariza wurde – wie ihre zwei Geschwister – im Zirkus groß. In ihren frühesten Kindheitserinnerungen sieht sie sich im Stall bei den Tieren – den Pferden, Elefanten, Giraffen, Affen, Nilpferden… „Alles was vier Füße hatte, waren meine Freunde.“ Mariza hat ein Herz für Tiere – der Hund, den sie hat, ist ihr zugelaufen, den wunderschönen schwarzen Hengst hat sie vor der Schlachtbank gerettet. „Seine weißen Lippenhaare wären Nazar fast zum Verhängnis geworden.“ Nazar lebt mittlerweile schon fast vier Jahre bei ihr. Der Hengst folgt ihr aufs Wort. Aber sie hat ihn auch dressiert. Auch das lernt man im Zirkus. Mariza bedauert, dass ihre zwei Kinder nicht im Zirkus aufwachsen konnten. „Denn das wäre eine grandiose Lebensschule gewesen.“ Dass sie heute eine so selbstbewusste, weltoffene und tolerante Frau ist, schreibt sie dem Zirkus zu. „Wir waren eine kleine, reisende Stadt, 200 Leute, aus allen Nationen zusammengewürfelt“ erzählt sie. Mariza wächst mit Moslems, Juden, Christen und Buddhisten auf, mit Russen, Schweden, Italienern, Japanern, Amerikanern. Das multikulturelle Umfeld prägt sie. „Man lernt tolerant zu sein, das andere und den anderen zu akzeptieren und respektieren.“ Von Stadt zu Stadt gereist Mit dem Zirkustross – „mein Vater baute einen Sattelschlepper zu einem Wohnmobil aus“ – zieht sie von Stadt zu Stadt und lernt Land und Leute kennen, aber nicht so oberflächlich wie Touristen. „In Korea luden uns Mönche in ihr Kloster ein. Wir durften bei einem Kung-Fu-Training zuschauen. In Arabien zeigte uns ein Scheich seine Stallungen.“ Noch keine 15 Jahre, hat das Zirkuskind schon die halbe Welt gesehen. Manche Eindrücke bleiben unvergessen. „An der Côte d’Azur stand unser Wohnwagen am Strand. Wenn ich die Tür aufmachte, sah ich das Meer vor mir. Und in Dänemark war das Land so weit, dass ich bis zum Horizont sah.“ Mariza wächst behütet auf. „Ich hatte beide Elternteile rund um die Uhr.“ Die Eltern sind ihr Vorbilder. Der Applaus, den Mama und Papa für ihre Darbietungen auf dem Seil ernten, erfüllt das Kind mit Stolz. „Das wollte ich auch machen.“ Ihre Eltern sind ihr gute Lehrmeister. Aber auch in der Artistenschule lernt Mariza viel. Talent und hartes Training machen aus ihr eine begnadete Seiltänzerin. Ab 14 Jahren tritt sie mit ihrem Vater auf. „Er war der Clown, ich die Ballerina auf dem Seil.“ Das Duo ist mit seiner Seilakrobatik-Nummer weltweit erfolgreich. Mariza und ihr Vater treten an Orten auf, die nur für die Besten reserviert sind – im Stadion von Tokio etwa, vor Tausenden von Zuschauern oder in Fernseh-Shows, die Millionen Zuseher erreichen. Wegen des Ruhms hebt Mariza aber nicht ab. „Die Eltern schauten, dass wir am Boden blieben.“ Sie vermitteln ihr von klein auf, dass Ruhm vergänglich – eine Momentaufnahme – ist und dass im Leben Werte zählen wie Familie und Freundschaft. Ihre Eltern leben ihr aber auch ganz selbstverständlich vor, dass Mann und Frau gleichwertig sind. „Mama und Papa hatten Respekt voreinander. Sie arbeiteten zusammen und waren aufeinander angewiesen.“ Laut Mariza gelten Frauen im Zirkus mehr. „Ein Salto ist ein Salto. Die Leistung zählt und nicht das Geschlecht.“ Ihrer Meinung nach funktioniert Frauenunterdrückung im Zirkus nicht. „Sie wäre lebensgefährlich. Denn Artistinnen müssen selbstsicher sein. Sonst scheitern sie mit ihrer Nummer, stürzen im schlimmsten Fall ab, wenn sie wie ich Seilakrobatinnen sind.“ Mariza glaubt: „Wenn eine Frau berufsbedingt selbstsicher sein muss, spiegelt sich das auch in ihrem Privatleben wider.“ Die Tochter des berühmten Clowns wächst im Zirkus zu einer selbstbewussten und emanzipierten Frau heran, die bis heute mit herkömmlichen Rollenbildern nichts anfangen kann. Denn: „Ich wuchs ohne starre Rollenverteilung auf.“ Überhaupt lässt sich Mariza nicht gern in ein Schema pressen. Sie ist, was sie ist, eine Frau mit vielen Facetten und Talenten. Die Seiltänzerin gehört längst der Vergangenheit an. Golfkrieg entkommen Nach turbulenten Zirkus­tourneen beschließt das Artis-tenduo sesshaft zu werden. „In Arabien entkamen wir gerade noch dem Golfkrieg, in Japan einem Erdbeben und in Korea dem Studentenaufstand.“ Die Sesshaftwerdung vor 16 Jahren und nach 15 gemeinsamen Jahren geschieht nicht abrupt – es ist ein Abschied vom Zirkus auf Raten. „Wir machten zwar keine ganzen Tourneen mehr, aber traten immer noch auf Galas mit der Seilnummer auf.“ Das Sesshaftwerden bereitet Mariza Schwierigkeiten. Ihr geht das Reisen ab. „Reisen ist toll. Denn du erlebst auf Reisen viele Abenteuer.“ Vor allem im Frühling – wenn die Zirkusse auf Tournee gehen – plagt sie Fernweh. „Da zog es mich weg.“ Andererseits beginnt sie aber die Vorzüge der Sesshaftigkeit zu schätzen: „Ich merkte, dass wir hier in einem Disneyland leben, was die soziale Absicherung, die medizinische Versorgung und das Essen anbelangt. Wenn man ein Jahr in Asien gereist ist, dann weiß man erst, was Brot wert ist.“ Mit ihrem Mann, einem Türken – sie lernte ihn in Arabien kennen, er war Kapellmeister im Zirkus – baut sie in Vorarl­berg eine Existenz auf und gründet eine Familie. Kindertheater Der Startschuss für einen neuen beruflichen Lebensabschnitt fällt, als Mariza und ihr Vater gefragt werden, ob sie nicht für Kinder eine Theateraufführung geben könnten. Weil ihr Clowntheater so gut ankommt und Marizas Vater in ein Alter gekommen ist, in dem das Seillaufen zu anstrengend ist, konzentrieren sich Vater und Tochter fortan aufs Kindertheater. Mit alten Clownerien, die sie modernisiert haben, begeistern sie Alt und Jung. Erfolgreich tourt das Duo durch Vorarlberg, Deutschland, Schweiz, Frankreich und Italien. Jahre später ist es neuerlich eine Anfrage, die sie auf neue Gleise beziehungsweise zum Puppentheater bringt. Mariza und ihr Vater können dem Reiz des Neuen nicht widerstehen. Jetzt machen sie auch Figurentheater. Die Zirkusfrau denkt sich die Kasperlegeschichten aus und bastelt die Puppen selbst. Damit stellt sie einmal mehr ihre Vielseitigkeit unter Beweis. Diese kommt nicht von ungefähr. Denn: „Im Zirkus probiert man alles aus.“ Als Kasperle und als Clown verzaubern Mariza und ihr Vater bis heute Kinder. Über die Zukunft macht sich die 47-Jährige keine Gedanken. Denn als Zirkusmensch ist sie es gewohnt, im Jetzt zu leben. „Was zählt, ist der Moment. Ich mache nie Pläne, weil’s mit dem Planen sowieso nicht funktioniert.“ Sollte ihr alter Vater bald nicht mehr mit ihr auftreten können, wird sich etwas Neues ergeben, ist Mariza überzeugt. „Irgendetwas ergibt sich immer. Dann greife ich zu.“

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