„Es geht hier nicht um Pionierarbeit“

Florence Schelling (31) war eine der besten Eishockey-Torhüterinnen der Welt. Auch der erste große Job abseits des Eises verfügt über Strahlkraft: Die Schweizerin leitet mit dem SC Bern eine der mächtigsten Organisationen Europas. Von Martin Quendler

Frau Schelling, sind Sie eigentlich ein pünktlicher Mensch?

Florence Schelling: Hätte ich schon so gesagt, ja.

Ihre Präsentation hat in der Sportwelt für Aufsehen gesorgt. Ihre Interviews sind streng getaktet, wie viel Zeit bleibt uns?

Ganz genau (lacht). 15 Minuten?

Die Schweiz war mit dem Frauenwahlrecht spät dran. Nimmt sie jetzt mit Ihnen als SCB-Sportchefin eine Vorreiterrolle ein?

Ich sehe diesen Job nicht als Pionierarbeit, auch wenn in der National League erstmals eine Frau als Sportchefin agiert. Ich bin nun eben in dieser Position und muss gute Arbeit leisten, um mich zu bestätigen. Unabhängig, ob Frau oder Mann. Ich stimme aber zu, dass es etwas Besonderes ist, wenn eine Frau im Herren-Eishockey als General Manager tätig ist. Zumindest außerhalb. Für mich ist es natürlich ein großer Karriere-Schritt.

Wie sind Sie beim Eishockey gelandet?

Ich habe zwei ältere Brüder. Beide haben Eishockey gespielt. Ich bin die Jüngste und musste sie ständig zu Trainings begleiten oder Spiele von ihnen ansehen. So habe ich Eishockey für mich entdeckt. Für mich war es auf Anhieb eine unglaublich coole Sportart.

Sie haben als Schweizer Eishockey-Torhüterin Olympia-Bronze erobert. Was bedeutet Ihnen diese Karriere?

Natürlich bin ich stolz. Hinter mir liegt ein unglaublich schöner Weg. Ich durfte viele schöne Momente erleben und in diesem Geschäft internationale Erfahrung sammeln. Ich habe auf hohem Niveau gespielt, das kommt mir jetzt in meiner neuen Tätigkeit extrem zugute.

Wie haben Sie sich auf den derzeitigen Job vorbereitet?

Neben meiner Eishockey-Karriere habe ich ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Diese Expertise hilft mir. Auch die bisherige Arbeitserfahrung, die ich seitdem gesammelt habe.

Sie führen nun einen der größten Eishockey-Klubs Europas. Wie bewältigt man so einen Karrieresprung?

Ich habe mir ziemlich schnell einen Coach geholt, der mich berät. Er hilft mir speziell in der Entscheidungsfindung. Da geht es auch um Abläufe in der Organisation. Meist hat man eine gewisse fixe Sichtweisen auf die Dinge. Durch ihn erkenne ich andere Aspekte und Wege, um Probleme zu lösen. Daraus resultieren Gespräche, die unterstützend wirken.

Betrifft das auch sportpolitische Fragen?

Nein, das nicht. Sportliche Entscheidungen liegen bei mir. Die Beratertätigkeit hilft mir hauptsächlich in meinen Management-Aufgaben sowie beim Führen von Personen.

Treffen Sie Entscheidungen alleine oder in einem Team?

Beides. Vieles wird im Team diskutiert und dann entschieden. Wir verfügen über eine Sportkommission. Natürlich gibt es dann auch andere Dinge, die ich alleine entscheide.

Werden NHL-Größen Roman Josi oder Mark Streit, die ebenfalls in der Organisation eingebunden sind, aktiv?

Josi konzentriert sich eigentlich noch auf seine NHL-Spielerkarriere. Und Mark Streit ist ein Teil unserer Sportkommission.

Ihr Führungsstil?

Ich bin noch neu auf dieser Position und muss mich auch noch finden. Daher kann ich noch nicht meinen Führungsstil definieren. Ich versuche einfach, ich selbst zu sein.

Ihnen stehen viele Männer gegenüber. Wie gehen Sie damit um?

Für mich ist das ja nichts Neues, weil ich den Hauptteil meiner Karriere mit Männern zu tun hatte. Es kann sein, dass mein Gegenüber anders denkt.

Wie verabreichen Sie unangenehme Neuigkeiten?

Natürlich mussten bereits schwere Entscheidungen getroffen werden. Viele corona-bedingt. Das Verständnis ist da. Gleichzeitig muss man sagen, dass es jetzt keinen normalen Eishockey-Alltag gibt.

Ihr erstes Fazit?

Sehr spannend. Ich habe extrem viel Neues gelernt – auch was die Bern-Organisation betrifft. Mit Corona kam ein riesiger Aspekt dazu.

Ihr Boss Marc Lüthi sprach sich zuletzt für die Erhöhung von Imports aus. Ihre Meinung?

Diese ganze Diskussion ist selbstverständlich wegen Corona neu entfacht worden. In der Schweiz sind die Spielergehälter in den vergangenen Jahren explodiert. Der Fokus liegt darauf, die Löhne in Zukunft wieder etwas zu reduzieren. Es gibt unterschiedliche Wege in der Herangehensweise. Wir sind in der Liga im Moment dabei, neue Vorschläge zu diskutieren.

Eine wichtige Entscheidung war der neue Trainer. Selbst in Österreich rechnete wohl niemand mit Don Nachbaur. Wie kam es dazu?

Wir haben ein Anforderungsprofil erstellt und sind mit den Kandidaten verschiedene Interview-Prozesse durchgegangen. Danach haben wir uns für Don entschieden.

Mit Mario Kogler arbeitet ein Klagenfurter im U20-Bereich. Welchen Eindruck haben Sie von Ihm?

Einen sehr guten. Er ist ein aufgestellter junger Mann und verfügt über extrem viel Eishockey-Wissen. Ich freue mich bereits, ihn in Aktion zu sehen.

Wie lautet Ihr Credo? Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Ich möchte natürlich die bestmögliche Arbeit leisten, damit SC Bern Erfolg haben kann. Ich habe ein persönliches, das hat aber nichts mit der Arbeit zu tun.

Und zwar?

She believed she could. So she did. (Deutsch: Sie glaubte, sie könne es – also tat sie es)

Was ist für einen General Manager heute wichtiger? Erfahrung oder Innovation?

Beides. Erfahrung hilft natürlich sehr. Aber ich denke, es sollte ein guter Mix sein.

Was soll man am Ende Ihrer Tätigkeit beim SCB einmal über Florence Schelling sagen?

Spannende Frage, ich habe doch erst gerade angefangen (lacht). Vielleicht exakt das, was wir gerade besprochen haben. Einen neuen Input in die Organisation bringen. Und natürlich den Meistertitel zu gewinnen.

Das Interview hat exakt 15 Minuten gedauert.

Na bitte. Der nächste Termin wartet bereits.

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