„Wird noch eine extrem harte Zeit“

IG-Kultur-Vorarlberg-Geschäftsführerin Mirjam Steinbock. Sarah Mistura

IG-Kultur-Vorarlberg-Geschäftsführerin Mirjam Steinbock.

 Sarah Mistura

Interview. Mirjam Steinbock, Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg, über die aktuelle Situation der Kulturschaffenden und was die Branche für die Zukunft brauchen würde.

Von Brigitte Kompatscher

brigitte.kompatscher@neue.at

Wie geht es den Vorarlberger Kulturschaffenden derzeit?

Mirjam Steinbock: Ich vermute, aktuell schlecht. Ab Montag kommt es bundesweit wieder zu massiven Reduktionen der Personenobergrenzen bei Veranstaltungen. Mit einer Vorlaufzeit von drei Tagen ist das so kurzfristig, dass es Kulturvereinen und -einrichtungen mit ihrem Personal, Künstlern, Kulturvermittlern, Techniken und weiteren Akteuren den Boden unter den Füßen wegzieht. Die ­Bedingungen verschlechtern sich in hoher Geschwindigkeit und das bedroht die Existenz von Personen und Einrichtungen.

Haben die Hilfen von Bund und Land gegriffen?

Steinbock: Die Entstehungsgeschichte der Hilfsmaßnahmen könnte interessant sein, wäre sie nicht so erschütternd. Aufgrund fehlender Zahlen und dem Wissen, wie der Sektor arbeitet, entstanden Maßnahmen schleppend und erst nach und nach. Kunst- und Kulturschaffende sowie Einrichtungen mussten in einer Zeit ohne Einnahmen und jegliche Perspektive viel zu lange darauf warten und sie nun zu überblicken, um darauf zugreifen zu können, ist wahrlich eine Herausforderung.

Viel leichter wurde es für die Branche also nicht?

Steinbock: Auch wenn mit Stipendien und Förderungen vom Land und Fonds vom Bund Möglichkeiten geschaffen wurden, die manches abfedern, war, ist und wird das noch eine extrem harte Zeit für den Kultursektor und in der Folge auch für sein Publikum. Nachbarländer wie die Schweiz haben Modelle vorgelegt, die rascher, vorausschauender und nachhaltiger greifen.

Wie schauen diese Modelle aus?

Steinbock: Der Schweizer Bundesrat hat schnell reagiert und bereits im März in Folge der Veranstaltungsverbote Maßnahmen zur Abfederung der wirtschaftlichen Auswirkungen durch das Coronavirus beschlossen. Dabei ging es auch um Ausfallsentschädigungen, die bei uns erst jetzt im Zuge der Ampel Thema sind. Die erste Tranche mit 280 Millionen Schweizer Franken schloss Kulturschaffende und sogar nicht-gewinnorientierte Einrichtungen sowie Kulturvereine im Laienbereich mit ein. Maßnahmen galten für alle Branchen, also auch den Kulturbereich. Neben dem finanziellen Support ist das ein Bekenntnis zum Stellenwert der vielfältigen Kultur im Land.

Wie sinnvoll ist eigentlich das hierzulande angewandte Gießkannenprinzip?

Steinbock: Es bräuchte in Österreich ein paar mehr Kannen und auch entsprechend Hände, die lange und mit Kenntnis des Kulturbereichs tränken, um sinnvoll zu agieren. Der Kultursektor arbeitet seit Jahrzehnten äußerst prekär, die faire Bezahlung von Kulturakteurinnen und -akteuren ist eine Seltenheit. Es fehlt an Inflationsabgeltungen, die Budgets sind knapp bemessen und ein langfristiges, solides Planen ist jetzt noch utopischer geworden. Der Sektor wird von der Hand in den Mund gefüttert. Das ist für alle enorm verunsichernd, für die freie Szene und die ehrenamtlich getragenen Vereine, die sich für die Menschen, deren Entwicklung und Gesundheit engagieren, ist das ein Desaster. Wenn denen die Luft ausgeht, haben wir Verluste im Land, die mag ich mir gar nicht ausmalen.

Welche Kultursparten sind eigentlich am meisten von der Krise betroffen?

Steinbock: Musik und darstellende Kunst, vor allem Tanz. All jene Kunstformen, deren Zusammenspiel auf Nähe aufbaut und die mit Luft und Stimme arbeiten. Hart trifft es Einrichtungen, die indoor und auf engerem Raum veranstalten und kein sitzendes Publikum haben. Die Clubkultur gehört dazu, junge Menschen sind davon sehr betroffen.

Wie schauen die Forderungen für die nächsten Monate aus?

Steinbock: Für jetzt fordern wir eine Verlängerung der auslaufenden Unterstützungsfonds auf Bundesebene und auch auf Landesebene, braucht es die Weiterführung von Maßnahmen, wie zum Beispiel Arbeitsstipendien. Die Refundierung von Covid-19-Tests und weiterer pandemiebedingter Mehrkosten ist dringend notwendig. Außerdem Ausfallfonds für Kulturveranstaltungen, um trotz Unsicher-heit die Fortführung eines Kulturprogramms für die Bevölkerung zu ermöglichen. Für 2021 und die Folgejahre fordern wir Investitionen, die dem Kultursektor Stabilität bieten und die Entwicklung neuer Formate ermöglichen. Budgetkürzungen könnten dazu führen, Kulturakteure zu verlieren, weil sie abwandern. Und ganz wichtig: Es braucht jetzt Fördercalls für Kinder- und Jugendkultur, für die Soziokultur und partizipative Formate.

Wann glauben Sie, kann wieder „normal“ gearbeitet werden?

Steinbock: Ich denke, dass sich das neu definieren wird. Eine Rückkehr zu dem, was vor Corona war, ist nicht möglich. Dafür ist gesellschaftlich zu viel passiert. Unsere Aufgabe ist, dies kulturell und künstlerisch zu reflektieren. Für ein Publikum und insgesamt ein gemeinschaftliches Miteinander. Dass wir uns in aller Vielfalt und Möglichkeit sehen und wahrnehmen ist für mich der nächstliegende und „normale“ Schritt.

Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.