LIESSMANN

Vergnügliche Verschwörungen

Wie einfach ist es doch, Ansichten zu kritisieren, deren Absurdität offen zutage liegt. Daraus lässt sich wohlfeiles Kapital schlagen.

Verschwörungstheorien erfreuen sich aktuell großer Beliebtheit. Keine Demonstration für oder gegen Corona, bei der nicht Verschwörungstheoretiker gesichtet werden, denen keine Idee zu abstrus ist, um sich die Welt zu erklären. Unglaublich, wie der Blitz des Unsinns in den naiven Volksboden einschlagen und zur politischen Macht werden kann. Verschwörungstheorien werden aber auch von ihren aufgeklärten Gegnern geliebt.

Wie einfach ist es doch, Ansichten zu kritisieren, deren Absurdität offen zutage liegt. Daraus lässt sich wohlfeiles Kapital schlagen. Da es in der Logik der Dummheit liegt, dass man sie nicht aufwendig widerlegen muss, genügt es, störende Meinungen und unangenehme Positionen in die Nähe von Verschwörungstheorien zu rücken, um sich ihrer zu entledigen. Argumentative Auseinandersetzungen erübrigen sich, an deren Stelle tritt die pädagogische Besorgnis. Verzweifelt wird gefragt, was man gegen die rasende Verbreitung von Verschwörungstheorien tun könne. Die Antwort ist immer dieselbe: Bildung, Bildung, Bildung. Vergessen wird dabei, dass nicht wenige Anhänger von Verschwörungstheorien überzeugt davon sind, besser informiert zu sein und mehr zu wissen als die durch offiziöse Medien gegängelten Menschen.

Wie wäre es, dieses Phänomen einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Über die Motive von Verschwörungstheoretikern wird viel geforscht, meistens unterstellt man ihnen eine dumpfe Sehnsucht nach einfachen Welterklärungen und stereotypen Schuldzuweisungen. Das mag wohl stimmen. Unterschlagen werden dabei jedoch Aspekte, die nicht nur Verschwörungstheorien auszeichnen: Die Vermutung etwa, dass das unmittelbar Wahrnehmbare noch nicht das Wahre ist. Seit Platon lebt die Philosophie von dieser Annahme. Oder die Lust, die darin besteht, sich eine Welt auszudenken, in der es alles gibt, was es sonst nicht gibt. Alle Kunst und Literatur lassen sich darauf zurückführen. Der Erfolg von Filmen über Aliens speist sich aus derselben Quelle wie der Glaube, dass die Außerirdischen längst unter uns sind.

Vielleicht sollte man Verschwörungstheorien gelassener entgegentreten und sie gelegentlich unter ästhetischen Gesichtspunkten analysieren. Man sähe dann schnell, dass manche in ihrem Aufwand und ihrer Raffinesse tatsächlich das Zeug zu einem guten Thriller oder abgründigen Roman hätten. Die Vorstellung, dass Stanley Kubrick, der Regisseur des bedeutendsten Science-Fiction-Films aller Zeiten, sein vermeintlich eigentliches Hauptwerk, die fingierte Mondlandung der Amerikaner, unter dem Deckmantel der absoluten Verschwiegenheit hätte inszenieren müssen, ist doch einigermaßen vergnüglich. Andere Konstrukte stellten sich unter dieser Perspektive hingegen sofort als plumpe, gehässige und bösartige Unterstellungen dar, denen kein ästhetischer Mehrwert abzupressen ist.

Verschwörungstheorien nicht nach ihrem Wahrheitsgehalt – das bringt wenig –, sondern nach ihrem künstlerischen Potenzial zu betrachten, nähme ihnen die politische Spitze, ohne sie im empörten Ton moralisierender Besserwisserei verurteilen zu müssen. Das Problem dabei: Dies kann nur eine Handreichung für Menschen sein, die selbst für Verschwörungstheorien wenig anfällig sind. Für deren Anhänger gilt das nicht. Diese können die haarsträubenden Produkte ihrer überreizten Fantasie gar nicht richtig genießen, denn sie sind von deren Wahrheit überzeugt. Die „felsenfesten Überzeugungen“ aber, so vermutete schon Friedrich Nietzsche, gehören fast immer ins Irrenhaus. Dies gilt allerdings nicht nur für Verschwörungstheorien.

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